Das Gastgewerbe und die Tourismusbranche sind sehr personalintensiv. Sie gehören zu den Sorgenkindern des deutschen Arbeitsmarktes, denn das Gastgewerbe hat laut dem Institut für Arbeit und Qualifikation (IAQ) die meisten atypisch Beschäftigten. 2006 erhielten über 62 Prozent der Beschäftigten in der Branche einen Lohn unter der Niedriglohnschwelle von 9,85 Euro Brutto, bei den geringfügig Beschäftigten waren es sogar 85 Prozent der Beschäftigten. Das ist eine traurige Bilanz.

Häufig sind im Hotel- und Gastgewerbe Arbeitnehmerrinnen und Arbeitnehmern beschäftigt, die ergänzend Arbeitslosengeld II beziehen. Im Jahr 2010 waren laut der Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten (NGG) insgesamt 1,6 Mio. Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer im Gastgewerbe beschäftigt, davon bezogen 8,7 Prozent ergänzendes Arbeitslosengeld II. Laut Beschäftigungsstatistik der Bundesagentur für Arbeit (BA) gab es im Gastgewerbe im Dezember 2010 rund 792.000 geringfügige und 822.209 sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse.

Oft werden nicht einmal die Regelungen bei den Minijobs, wie Lohnfortzahlung im Krankheitsfall oder die Gewährung von Urlaubsansprüchen, eingehalten. Schwarzarbeit ist ein besonderes Problem in der Gastronomie. Sie kostet den Fiskus und die Sozialversicherungen jedes Jahr Milliarden. Zudem muss der Staat mittel- bis langfristig Altersbezüge mit Steuermitteln aufstocken, da schwarz Beschäftigte keine Sozialversicherungsansprüche erwerben.

In den meisten anderen Staaten erhalten in erster Linie Geringqualifizierte Niedriglöhne. In Deutschland hingegen haben fast 80% der Niedriglohnbeschäftigten eine abgeschlossene Berufsausbildung oder einen akademischen Abschluss. Hier scheint eine formale Qualifikation nicht vor geringer Bezahlung zu schützen. In der Folge sinken die Anreize von Beschäftigten, eine Berufsausbildung zu absolvieren oder sich beruflich fortzubilden. Es drohen Qualitätsverluste, was sich insbesondere im Gastgewerbe bemerkbar macht. Dort hat die Bereitschaft Jugendlicher, eine Lehre zu beginnen oder die Beschäftigung nach Abschluss der Ausbildung in dieser Branche fortzusetzen, stark abgenommen.

Die Ausbildungsbedingungen in der Tourismuswirtschaft sind eindeutig verbesserungswürdig. Im Gesamtranking der 25 meistgewählten Ausbildungsberufe im DGB-Ausbildungsreport belegen die Ausbildungen zum Hotelfachmann/-frau und zum Restaurantfachmann/-frau die letzten beiden Plätze. Als Gründe hierfür werden u.a. harte Arbeit, viele Überstunden ohne Lohn- oder Freizeitausgleich und ein enormer Druck von AusbilderInnen und KundInnen ohne ausreichend fachliche Anleitung genannt. Die neu begonnenen Ausbildungsverhältnisse in der Tourismuswirtschaft sind im Jahr von 2008-2009 um insgesamt 9,1 Prozent zurück gegangen und die Abbrecherquoten während der Ausbildung liegt deutlich über dem Durchschnitt. Das ist verheerend, auch weil die Anzahl von Schulabgängerinnen und Schulabgängern, die auf den Ausbildungsmarkt drängen, in vielen Regionen zurückgeht. Waren 2005 noch ca. 4 Millionen Jugendliche im ausbildungsrelevanten Alter von 16-20 Jahren, wird ihre Zahl in den nächsten 10 Jahren auf 3 Millionen sinken, bis 2050 werden es nur noch etwas über 2 Millionen sein. Im sich entwickelnden Wettbewerb um Auszubildende werden daher die Branchen gewinnen, die für Ausbildung und Beschäftigung überzeugende Angebote machen.

Grüne Ziele

Wir wollen die Berufe in der Tourismusbranche attraktiver machen. Der Trend zu atypischen und gering bezahlten Beschäftigungsverhältnissen im Gastgewerbe muss gestoppt werden. Jeder muss von einer Vollzeitbeschäftigung leben können. Der Urlaubsanspruch und Freizeitausgleich muss auch Menschen gewährt werden, die im Tourismus ihr Geld verdienen. Ebenso muss die Lohnfortzahlung auch bei Krankheit für Minijobberinnen und Minijobber wirksam durchgesetzt werden. Wir Grüne wollen Normalarbeitsverhältnisse stärken. Dazu gehört auch, dass Schwarzarbeit wirksam bekämpft wird.

Eine Aufweichung des Jugendarbeitsschutzgesetzes lehnen wir ab. Der vermeintliche Abbau von Ausbildungshemmnissen, der unter anderem vom Branchenverband DEHOGA gefordert wird, steht nicht über dem Schutz der Arbeitnehmerrechte. Gerade hier muss grüne Politik eingreifen. Eine vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales eingesetzte Bund-Länder-Arbeitsgruppe stellte im Mai 2011 fest, dass 22,2 Prozent der befragten Jugendlichen nie einen freien Sonntag haben, die tägliche Ruhezeit in 9,7 Prozent der Fälle immer kürzer als vorgesehen ist und 17,1 Prozent der Ruhepausen nie eingehalten wurden. Arbeit an den Feiertagen, an denen eine Beschäftigung nicht zulässig ist, kam regelmäßig vor.[1] Wir teilen das Fazit des Abschlussberichts, dass insbesondere eine Erweiterung der Nachtarbeit oder eine stärkere Ausdehnung der Arbeitszeit abzulehnen ist.

Grüne Maßnahmen

Wir setzen uns für einen branchenspezifischen, mindestens aber einen gesetzlichen Mindestlohn ein. Wir wollen durch eine Reform des Teilzeit- und Befristungsgesetzes sowie eine Reform von Minijobs das Normalarbeitsverhältnis stärken. Zudem treten wir für schärfere Kontrollen durch die Finanzkontrolle Schwarzarbeit ein. Sie sind eine unabdingbare Voraussetzung, Entlohnungs- und Arbeitsbedingungen zu verbessern.

Ein Abbau des Arbeitsschutzes für Jugendliche ist das falsche Signal, um der Unzufriedenheit Jugendlicher mit ihrer Arbeitssituation entgegen zu treten. Anstatt das Jugendarbeitsschutzgesetz zu flexibilisieren, sollten Gewerbeaufsichtsämter und Kammern ihre Kontrollfunktion stärker wahrnehmen und dafür sorgen, dass Arbeitsstandards auch eingehalten werden. Angesichts eines permanent steigenden Fachkräftemangels ist dies auch aus ökonomischer Sicht notwendig.


 

Best-Practice

Beispiel: LEG Arbeitsmarkt- und Strukturentwicklung GmbH (LEG AS)

Im Rahmen des Projekts "Weg & Raum" gestaltet die landeseigene LEG AS die vom Strukturwandel und einstigen Kohleabbau geprägte Emscher-Lippe Region landschaftlich. Gemeinsam mit Arbeitslosen und Fachbetrieben verändern regionale Beschäftigungs- und Qualifizierungsträger Freiflächen und bauen Radwege in dieser einzigartigen Kulturlandschaft. Von Moers bis Dortmund schlängeln sich entlang der Emscher und an Industriedenkmalen vorbei fast 250 km Radweg. Sieben verschiedene Jobcenter / Optionskommunen und rund zwei Dutzend Städte und Kreise sind in das mehrfach ausgezeichnete Modellprojekt involviert. Die Integrationserfolge von Weg & Raum sind überdurchschnittlich hoch. Zurzeit werden rund 250 Jugendliche und junge Erwachsene qualifiziert. Aus dem Projekt heraus wurde auch modellhaft das modulare Qualifizierungskonzept AQuiA - Abschlussbezogene Qualifizierung im Arbeitsprozess entwickelt, in dem inhaltlich abgeschlossene Ausbildungsabschnitte innerhalb eines Berufsbildes und des Ausbildungsrahmenplans vermittelt werden.

[1] Abschlussbericht der Bund-Länder-Arbeitsgruppe zur Überprüfung des Jugendarbeitsschutzgesetzes, Mai 2011