Barrieren ergeben sich auch in der touristischen Förderung und der Vermarktung der Destinationen. An alten Landkarten gezogene Grenzverläufe sind nicht auch die Grenzen der Reisedestination. Ganz im Gegenteil. Administrative Verwaltungsstrukturen behindern grenzüberschreitende Vermarktung. Darunter leidet nicht nur die einzelne Destination, sondern auch das Reiseland Deutschland. Das Potenzial für Inlandstourismus ist somit bei weitem noch nicht ausgereizt. Urlaubsformen, die die spezifischen Qualitäten einer Region auszeichnen, können zudem nicht adäquat themenspezifisch vermarktet werden. Gerade für die ländlichen Räume ist überregionales Marketing von entscheidender Bedeutung. Derzeit boomt vor allem der Städtetourismus. In Berlin mit zweistelligen Wachstumszahlen. Die ländlichen Räume haben neben Infrastrukturnachteilen auch durch eine fehlende Erfassung in amtlichen Statistiken zu kämpfen. Hier werden demnächst nur noch Betriebe ab 10 Betten oder 10 Stellplätzen erfasst. Das widerspricht auch der Struktur im ländlichen Raum, die vielerorts gerade von dem Charme der Kleinstbetriebe profitiert. Aus der fehlenden Erfassung ergibt sich auch ein Wettbewerbsnachteil, der Konsequenzen in der Vermarktung hat, weil hier ein Trend zum Städtetourismus weiter vermarktet wird. Erschwerend hinzu kommen die weniger ausgeprägten Internetpräsenzen von kleinen Unternehmen.

Grüne Ziele

Interkommunale, interregionale und zuweilen auch transanationale Kooperationen helfen dabei, den Tourismus im ländlichen Raum zu stärken. Von 1999 bis 2011 war die Deutsche Zentrale für Tourismus (DZT) für das überregionale Inlandsmarketing zuständig. Diese Zuständigkeit wurde leider beendet. Kritisch betrachtet, muss festgehalten werden, dass eine deutschlandweite Zentrale auch sicher nicht der regionalen Vielfalt Deutschlands gerecht werden kann. Und manchmal entsteht aus der Not auch eine Chance, wie sich in Schleswig Holstein und Hamburg zeigt, wo sich ein Kooperationsmodell zur Tourismusvermarktung gebildet hat. Auch bundesweite, themenspezifische Modelle, wie zum Beispiel von Landsichten, für eine Vermarktung von Urlaub auf dem Bauernhof sind positiv hervorzuheben. Hier sollte der Bund den Willen zeigen, dafür vorhandende EU-Fördermittel entsprechend einzusetzen.

Für die Tourismusförderung stehen den Landkreisen durchschnittlich 390.000 Euro pro Jahr und Kreis zur Verfügung. Dabei liegen die Werte jedoch auch sehr auseinander. In einigen Landkreisen sind es lediglich 10.000 Euro. Über Regionalbudgets oder Regionalteilbudgets soll es den Landkreisen selbst überlassen werden, ob sie Tourismus stärker fördern wollen. Denn nicht überall ist der Tourismus als Bestandteil einer nachhaltigen Regionalentwicklung zu verstehen. Grundlage für die standortpolitische Ausrichtung ist das in der Region befindliche Potenzial, das sich vor allem aus der Naturraumausstattung, ansässigen Unternehmen und der Bevölkerung ergibt. Auch in Deutschland gibt es Regionen, in denen die regionalen Potenziale nicht im Tourismus liegen. Nicht überall ist deshalb auch eine Tourismusförderung vonnöten.

Bereits jetzt gibt es jedoch an zahlreichen Orten, Anlaufpunkte mit Informationen für Reisende (i-Punkt etc.). Besonders in ländlichen Räumen sollen von diesen Impulse für den benötigen Zugang zu öffentlichen Dienstleistungen und Wissen ausgehen. Informationsangebote, Schulungen und Beratungsleistungen in Abstimmung mit den zuständigen Länderministerien, Kommunen und Verbänden können von hier aus auch in die Branche getragen werden. Dies kann über Handbücher zur Destinationsentwicklung, Marketingleitfäden, der Förderung von Weiterbildungen, oder durch Informationen und Beratungsangebote zur energetischen Gebäudesanierung, erneuerbaren Energien und wassersparenden Technologien auf vielfältigem Wege entstehen.

Grüne Maßnahmen

Wir fordern eine Bundesstudie zu den Tourismuspotenzialen im ländlichen Raum. Dabei sollte differenziert herausgearbeitet werden, welche Destinationen welche Potenziale aufweisen. Dieses kann nicht auf Grundlage der verfügbaren statistischen Datenmaterialen passieren. Besonderer Wert sollte auf die Bedeutung von Kleinstbetrieben und den Synergien mit anderen Sektoren, wie beispielsweise der Landwirtschaft, gelegt werden. Auch stichprobenartige Erhebungen von Kleinstbetrieben durch die statistischen Ämter, um den Tourismus im ländlichen Raum in seiner Gesamtheit zu erfassen, würden wir begrüßen.

Durch die DZT und interregionale Kooperationsformen sollten die Potenziale im Inlandstourismus ausgeschöpft werden. Bund, aber auch die Länder und Kommunen, müssen hier ihr Kirchturmdenken überwinden. Um das Reiseziel Europa attraktiver zu machen, sind seitens der EU-Kommission einige Maßnahmen, wie die Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit des Tourismus in Europa, die Förderung der Bemühungen um einen nachhaltigen, verantwortungsvollen Qualitätstourismus und die Konsolidierung des Images und der Außenwirkung Europas als ein aus nachhaltigen Qualitätsreiszielen bestehendes Ganzes, geplant. Dazu kann auch die DZT ihren Beitrag leisten, wenn sie diese Entwicklung frühzeitig mitgestaltet. Durch eine gemeinsame Strategie mit Nachbarländern kann es gelingen, weitere Wachstumspotenziale für das Reiseland Deutschland zu nutzen.

Nicht zuletzt um dem grenzüberschreitenden Charakter gerecht zu werden, wollen wir die DZT umstrukturieren. Wir sehen noch Effizienzpotenzial. Die vorhandenen Strukturen der DZT, von Germany Trade and Invest (GTAI) und der Außenhandelskammern sollen beim Standortmarketing effektiv und effizienter zusammenarbeiten. Der Auf- und Ausbau der Doppelstrukturen soll vermieden werden. Am Beispiel Hamburg kann betrachtet werden, wie die Hamburg Marketing GmbH, der Hamburg Tourismus und die Hamburgische Gesellschaft für Wirtschaftsförderung mbH gut zusammen arbeiten. Auch das Beispiel Österreich zeigt wie bestehende Institutionen genutzt werden können, um im Ausland Werbung für den heimischen Standort zu betreiben. Hier arbeitet die Vermarktungsgesellschaft sehr eng mit den Kammern zusammen. Mit einer verstärkten Kooperation von DZT, GTAI und den Außenhandelskammern würde die DZT auch zunehmend dem grenzüberschreitenden Charakter eines zusammenwachenden Europas gerecht werden.

Wir wollen die Finanzierung der Tourismusförderung auf neue Beine stellen und dabei auch die Unternehmen stärker beteiligen, wie das etwa in Tirol und Südtirol der Fall ist. Die Unternehmen sind ebenfalls Nutznießer des Marketings. Das zeigt: Auch bei regionalen Destinationsverbünden sind nicht ausschließlich die Kommunen oder Landkreise gefragt. Die Ausgestaltung obliegt dann der Finanzhoheit der Kommunen und Länder. Grüne Politik beteiligt jedoch stets Verursacher an entstehenden Kosten. Regionale Beispiele, wie beispielsweise "visit berlin", zeigen, dass auch neben einer soliden Grundfinanzierung durch den Senat der finanzielle Anteil von Partnern sehr viel größer sein kann. Hierfür ist ein klares Profil vonnöten, um für Unternehmen interessant zu sein. Eine Fokussierung auf die regionalen Potenziale ist dafür unabdingbar.

Die Finanzierung der DZT leistet derzeit zum großen Teil der Staat. Wir sehen den Auftrag einer staatlichen Marketingplattform nicht in der Fokussierung auf einige, wenige Leuchtturmprojekte. Wir wollen, dass die regionale Vielfalt, die durch das Naturangebot, die Kulturlandschaft oder den Charme von Kleinstbetrieben gekennzeichnet ist, stärkere Beachtung findet. Wir wollen eine strategische Neuausrichtung. Wer das Brandenburger Tor oder ähnliches sehen will, wird auch ohne die DZT herkommen. Wer aber nicht von der regionalen Vielfalt des Reiselandes Deutschlands weiß, wird auch nicht deshalb nach Deutschland reisen.

EU-Fördermittel sollten auch für Vermarktungsplattformen genutzt oder Schulungen für Unternehmen im Bereich des Web 2.0 eingesetzt werden. Regionalspezifische Angebote sind bei der Vermarktung in den Vordergrund zu stellen. Große Leuchtturmprojekte sind nur ein Teil von Deutschland. Der große Trumpf ist aber die regionale Vielfalt.

Best Practice:

Beispiel: Großregion

In der Großregion, die das Saarland, Rheinland-Pfalz, Luxemburg, Teile Frankreichs (Lorraine)und Belgiens (Wallonien und Ost-Belgien) umfasst, wurde im März 2009 mit dem Aufbau eines transnationalen Marketingkonzepts für den Tourismus begonnen. Bis Februar 2014 soll dieses stehen. Ziele sind ein gemeinsames strategisch ausgerichtetes Tourismusmarketing, die Stärkung der Bekanntheit der Großregion, eine Verstärkung des Binnentourismus sowie die Schaffung von regionalen Effekten, besonders im tertiären Sektor.

Die Chancen liegen in der kulturellen Vielfalt in den verschiedenen Ländern, den UNESCO-Weltkulturstätten, einem breitgefächerten kulinarischen Angebot, regionalen Spezialitäten, Sterne-Küchen, die trotz  sehr unterschiedlicher Ziele innerhalb der Großregion i.d.R. in Tagesfahrten erreicht werden können. Daraus versprechen sich die Akteure enormes touristisches Entwicklungspotential.