Chancen für alle – Unabhängig von der Herkunftsregion

Ländliche Regionen befinden sich im Umbruch

Ländliche Räume in Deutschland sind vielgestaltig – von der Ostseeküste bis zur Schwäbischen Alb unterscheiden sie sich deutlich. Charakteristisch war bisher, dass sich der föderale Aufbau Deutschlands bis in die ländlichen Räume fortgesetzt hat: Starke Mittelzentren, eine Infrastruktur, die nicht nur notwendige Daseinsfürsorge sondern auch Kultur bietet, abwechslungsreiche Kulturlandschaften und regionale Besonderheiten.

Zunehmend sehen wir aber, dass ländliche Räume im Umbruch stehen – sei es, weil sie sich wie in Mecklenburg entleeren und Infrastrukturen nicht mehr aufrechterhalten werden können oder weil sie aufgrund ihrer Nähe zu Ballungszentren zwar dicht besiedelt sind, aber nur noch als Schlaforte fungieren. Soziale Infrastrukturen wie Kitas, Einkaufs- oder Freizeitmöglichkeiten und auch Arbeitsplätze finden sich zunehmend nur noch in benachbarten Städten. Das Ehrenamt findet nicht mehr genügend Ehrenamtliche. Demographischer Wandel heißt im krassesten Fall demokratische Aushöhlung. Die Gründe hierfür sind vielschichtig. Veränderte Lebensgewohnheiten, eine höhere Mobilität, das Einkaufen im Internet und auch ein wirtschaftlicher Wandel, der vor allem den Hauptarbeitgeber der Vergangenheit, die Landwirtschaft, betrifft.  

Grund hierfür ist ein tiefgreifender Strukturwandel der (Land-)Wirtschaft. Seit 1993 hat sich die Zahl landwirtschaftlicher Betriebe in Deutschland mehr als halbiert. Durch die Spezialisierung und Industrialisierung bei der Verarbeitung (Zuckerfabriken, Schlachtereien, Mühlen, Bäckereien, Molkereien…) verlieren viele Regionen zudem an Wertschöpfungstiefe. Immer weniger Arbeitsplätze und immer weniger Wertschöpfung in ländlichen Regionen kombiniert mit dem Verlust biologischer Vielfalt und traditioneller Kulturlandschaften schüren eine tiefe Identitätskrise: Man verliert die Heimat. Welche Funktion hat solch eine ländliche Region und warum sollte man hier leben?

Regionale Unterschiede zur Stärke machen

Auf die Frage nach ihren neuen Funktionen suchen die ländlichen Regionen in Deutschland ganz individuelle Antworten. Und als politische Strategie gibt es nicht die eine, dafür ist die Ausgangslage regional extrem unterschiedlich. Manche Regionen sind wirtschaftlich, verkehrlich oder in ihren Bildungsangeboten genauso stark aufgestellt wie Metropolregionen. In Baden-Württemberg beispielsweise weisen Regionen wie der Schwarzwald-Baar-Kreis oder die Region Schwäbisch-Hall/Hohenlohe eine hohe Dichte an innovativen Unternehmen des Mittelstands auf, die zum Teil sogar zu den Weltmarktführern bei ihren Produkten gehören. Verpackungstechnologie, Feinwerk- und Messtechnik, der Maschinenbau, sowie die Informations- und Elektrotechnik sind das wirtschaftliche Rückgrat der Regionen, und sorgen für Arbeitslosenquoten noch unter dem Bundesdurchschnitt. Um für die Herausforderungen der Wirtschaft 4.0 gewappnet zu bleiben, geht es in diesen Regionen beispielsweise um den stringenten Ausbau einer glasfaserbasierten Breitbandinfrastruktur.

Viele andere ländliche Regionen finden aber nicht eine solch gute Ausgangslage vor. Hier schrumpfen ganze Landstriche. 1990 war Mecklenburg-Vorpommern beispielsweise das Bundesland mit dem niedrigsten Altersdurchschnitt - inzwischen hat es den höchsten Altersdurchschnitt aller Länder. Die Ausgaben für den Erhalt von Schulen, dem Nahverkehr oder Krankenhäuser verteilen sich auf immer weniger Schultern, weil  junge Menschen für sich keine berufliche Perspektive sehen und wegziehen, die Bevölkerung also schnell abnimmt und altert. Damit verbunden ist oft eine Auflösung der Dorfgemeinschaften. Im Landkreis Vorpommern-Greifswald wurden in den Kreiskrankenhäusern Anklam und Wolgast beispielsweise Fachabteilungen zusammengelegt. Insbesondere die Gesundheitsversorgung für Kinder und Jugendliche auf der Insel Usedom gestaltet sich dadurch problematisch.

Beide Szenarien (und viele dazwischen) stellen eigene Herausforderungen – und zeigen vor allem, dass eine Stärkung ländlicher Räume nicht nach dem einen, einheitlichen Schema erfolgen kann. Aber es gibt Prinzipien des Umgangs mit der Herausforderung. Sie alle haben gemeinsam, dass wir neue Wege finden müssen, kreative Schnittstellen herstellen müssen, und nicht einfach mit den Instrumenten der Vergangenheit, wie Dorferneuerung, neue Wohn- und Gewerbegebiete, Schuluntergrenzen etc., stur weiter arbeiten können. Die Beispiele machen deutlich, dass es mehr als Förderpolitik nach Schablone braucht, um Lebensqualität zu erhalten. Stattdessen braucht es gute Beteiligungs- und Mitmach-Angebote für die Menschen auf dem Land und einen Förder-Baukasten, der sehr viel freier als bisher ermöglicht, die regional passenden Maßnahmen zu wählen. Grüne Politik setzt hier an, um gerade in den ländlichen Räumen eine Entwicklung der ökologischen, ökonomischen und sozialen Nachhaltigkeit anzuschieben. Wir setzen auf ländliche Räume, die ihre Stärken weiterentwickeln und die eigenständige Antworten suchen für Bereiche, in denen Rahmenbedingungen besser gestaltet werden müssen.

Grüne Politik eröffnet Chancen für alle

Ziel Grüner Politik ist es, gute Lebens- und Arbeitsbedingungen in ländlichen Räumen zu schaffen und die Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse, die das Grundgesetz verspricht, nicht in Frage zu stellen, sondern neu herzustellen. Wir geben den ländlichen Raum nicht auf! Deshalb ist unser Leitbild ein familienfreundliches Leben auf dem Land, das Perspektiven für alle eröffnet und die natürlichen Grundlagen bewahrt. Als Weg dorthin muss Grüne Politik echte Chancengleichheit schaffen. Denn es darf nicht von der Herkunftsregion abhängen, wie ein Lebensweg verläuft. Damit sich Menschen für ein Leben auf dem Land entscheiden, brauchen sie dort Zugang zu guter Bildung und Arbeit, zu Kultur- und Freizeitangeboten.

Als Voraussetzung dafür kämpfen wir auch auf dem Land für eine moderne, offene und tolerante Gesellschaft, in der alle willkommen sind. Egal ob Zugezogene oder Alteingesessene – alle Menschen müssen die Freiheit haben ihr Leben so zu gestalten, wie sie es wollen, und brauchen dafür soziale, kulturelle, Verkehrs- und Bildungsinfrastruktur, Arbeits- und Einkaufsmöglichkeiten und medizinische Versorgung. Auch wenn das Landleben sich schnell verändert, sehen wir die Chancen im Wandel, den wir mit den Menschen vor Ort gestalten wollen.

Auch die Integration von Geflüchteten kann eine Chance sein – sowohl für die Neuankömmlinge wie auch für die ländlichen Regionen. Mit den kreativen Ideen und dem Engagement der Menschen entsteht vielerorts bereits ein lebendiges Miteinander in überschaubaren Dorfgemeinschaften, eine echte Willkommenskultur. Doch allein die Tatsache, dass Menschen zuziehen, führt nicht automatisch zu mehr Lebensqualität vor Ort. Durch Arbeitsplätze, funktionierenden Nahverkehr, Angebote für Kinderbetreuung, Kultur und Freizeit schaffen wir Perspektiven für alle – egal ob sie seit Generationen im Dorf leben oder frisch zugezogen sind. Wenn sich so mehr Menschen für ein Leben auf dem Land entscheiden, erreichen wir hier ideale Bedingungen für die dezentrale Unterbringung in gemischten Wohnvierteln, also auch ideale Bedingungen für Integration. So kann aus dem Druck der Krise ein Aufbruchssignal für ländliche Räume werden.

Grün wirkt auf dem Land                                                                                                

Mit diesem Rezept ist Grüne Politik längst in der Fläche angekommen. Ein Drittel aller Menschen in Deutschland wohnt, lebt und arbeitet auf dem Land. Auch in ländlichen Räumen gestalten sich Bedürfnisse und politische Einsichten in aktuelle Entwicklungen ähnlich wie in den Ballungszentren. Gerade hier wird die Notwendigkeit von ökologisch verträglichem Handeln schneller erkannt als anderswo, gerade hier werden die Folgen jahrzehntelanger verfehlter Verkehrs- und Infrastrukturpolitik intensiver gespürt als in den Städten. Und gerade hier gibt es enormen Nachholbedarf was die Vereinbarkeit von Familie und Beruf angeht.

Für alle diese Themen haben wir Grüne gute Angebote im Gepäck und setzen Lösungen vor Ort um. Deshalb sind wir die Kraft für ländliche Räume. Das hat die Landtagswahl 2016 in Baden-Württemberg gezeigt, wo die Dominanz der CDU im ländlichen Raum Vergangenheit ist – und zwar nicht als Ausnahme sondern als Regel. Knapp 2/3 der Wahlkreise wurden direkt von Grünen Kandidat*innen gewonnen. Aber auch im Nordosten können wir unter ganz anderen Voraussetzungen überzeugen: Schwaan im Landkreis Rostock zeigt, wie viel Potential gerade in Klein- und Mittelstädten auf dem Land steckt. Bereits seit den 90er Jahren gibt es hier Grüne (ehrenamtliche) Bürgermeister und inzwischen auch einen Grünen Amtsvorsteher. Hier kommen unsere Ideen an, weil ganz deutlich wird, wie sie unsere Lebensqualität im ländlichen Alltag positiv beeinflussen. 

Grünes Land, Grüne Städte – ohne Land geht es nicht!

Wir spielen Stadt nicht gegen Land aus, wir achten gleichermaßen auf nachhaltige Entwicklung in der Stadt und auf dem Land.  Denn die Entwicklung und Akzeptanz gerade bei grünen Kernthemen entscheidet sich im ländlichen Raum. Ob die Energiewende, die Agrarwende, die ökologischen Transformation der Wirtschaft oder die Digitalisierung - in der vermeintlichen Peripherie entscheiden sich Zukunftsfragen, die für die Zentren von zentraler Bedeutung sind. Dabei bringen diese Handlungsfelder, richtiggemacht, auch wiederum Wertschöpfung in den ländlichen Raum. Anschaulichstes Beispiel ist die Energiewende, die unter anderem regionale Wertschöpfung im Handwerk ankurbelt. Die Kommunen profitieren über Steuereinnahmen, über kommunale Energieversorgungsunternehmen oder bei der Entwicklung von Bioenergiedörfern. Noch wichtiger ist aber, dass auch die Menschen von der dezentralen Energiewende profitieren, wenn sie sich in Energiegenossenschaften engagieren.

Wir fördern außerdem den Austausch zwischen Stadt und Land. Denn dass wir die Natur als das Kapital der ländlichen Räume erhalten, kommt auch den Ballungszentren zugute. Auch in den Städten profitieren Menschen von gutem, sicher und sauber produziertem Essen, guter Luft und Naherholung. Wir müssen dafür werben, dass sich auch Menschen in der Stadt ihrer Verantwortung für ein lebenswertes Land bewusst sind. Die Kaufkraft in Ballungszentren kann ein Motor für die Entwicklung einer ganzen Region sein. Diese Stadt-Land-Symbiose müssen wir Grüne noch stärker in den Vordergrund stellen.

 

Ziele und Angebote für ländliche Räume

1) Für eine regionale Wirtschaft, die Perspektiven eröffnet

Ländliche Räume haben Zukunft, wenn wirtschaftliche Entwicklung vor Ort vorhanden ist. Unser Ziel sind hochwertige Arbeits- und Ausbildungsplätze, die jungen Menschen eine Perspektive eröffnen, und eine regionale Wirtschaft, die Wertschöpfung, Kauf- und Steuerkraft in der Region hält. Als Kern nachhaltiger wirtschaftlicher Entwicklung, die Ressourcen und Klima schont, stärken wir Mittelstand, Handwerk und die landwirtschaftliche Wertschöpfung mit ihren vor- und nachgelagerten Bereichen. Mit einer dezentralen Energiewende, vor allem auch im Wärmebereich, mit der Förderung einer kleinteiligen verarbeitungstiefen Landwirtschaft, sichern grüne Antworten Lohn und Brot. Und gut für Umwelt und Klima sind sie außerdem.

…durch familienfreundliche Arbeitswelt und kluge Standortpolitik

Damit auf dem Land gute Arbeitsplätze und Fachkräftenachwuchs aufeinander treffen, verbessern wir durch Breitband-Ausbau und eine gezielte Gründungs-, Wachstums- und Forschungsförderung Standortvoraussetzungen für Unternehmen. Wir führen wirtschaftliche und ökologische Interessen sowie Handwerk, Ingenieurwesen und Umweltschutz zusammen. Gerade in innovativen Umwelttechnologien entstehen zukunftsfähige Arbeitsplätze. Diese Chancen wollen wir durch die richtigen Anreize nutzen. Wir aktivieren Fachkräftepotentiale durch eine moderne Familienpolitik und stärken die Kooperationen von Schulen, Hochschulen und Ausbildungsbetrieben. Notwendig sind Möglichkeiten zur flexiblen Arbeitszeitgestaltung, eine familienfreundliche Arbeitsorganisation und Arbeitskultur. Dafür müssen wir Familien gezielt beim beruflichen Wiedereinstieg nach Familienpausen unterstützen, zum Beispiel durch Angebote der betrieblichen Kinderbetreuung. Unternehmen, die sich auf diesen Weg machen, wollen wir darin bestärken.

…durch regionale Erzeugung und Verarbeitung unseres Essens

Qualifizierte Jobs finden sich auch in landwirtschaftlichen Betrieben und in den vor- und nachgelagerten Bereichen. Doch durch die fortschreitende Industrialisierung von Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion sterben immer mehr Bauernhöfe und Betriebe des Lebensmittelhandwerks und der Lebensmittelverarbeitung. Das führt zu einem Verlust von Arbeitsplätzen und Wertschöpfung in ländlichen Regionen. Unsere Grüne Agrar- und Ernährungspolitik zielt auf ökologische und regionale Erzeugung, die es den Bäuer*innen ermöglicht, von ihrer Arbeit zu leben. Regionale Produkte liegen im Trend, weil Verbraucher*innen wissen, dass kurze Transportwege das Klima schonen, Frische garantieren und regionale Kreisläufe gewachsene Kulturlandschaft und Esskultur erhalten. Diesen Trend unterstützen wir mit dem Ausbau regionaler, dezentraler Verarbeitungs- und Vermarktungsstrukturen. Damit bieten wir auch der bäuerlichen Landwirtschaft eine Perspektive jenseits des Wachsen oder Weichens.

 

2) Für ein lebendiges Miteinander im demografischen Wandel

Ländliche Räume haben Zukunft, wenn sie den Bedürfnissen der Menschen an sozialer und kultureller Teilhabe Rechnung tragen – und zwar für alle Generationen. Unser Ziel ist Beteiligung aller Generationen in Zeiten des demografischen Wandels. Mit neuen Konzepten bauen wir soziale Netzwerke in den Regionen, die zusammenhalten. Für uns ist es eine Frage der Gerechtigkeit Daseinsvorsorge zu erhalten, denn sie ermöglicht Beteiligung und Teilhabe in Zeiten des demografischen Wandels.

…durch Bildungsgerechtigkeit und Teilhabe zur offenen Gesellschaft

Bildung öffnet Kindern den Weg in eine eigenständige Zukunft. Kinder auf dem Land müssen die gleichen Bildungschancen haben wie in Städten. Das bedeutet auch, dass hochwertige Bildung gut erreichbar bleiben muss. Um Schulstandorte zu erhalten, brauchen wir flexiblere Möglichkeiten, Unterricht zu gestalten. Dabei hilft auch längeres gemeinsames Lernen in jahrgangsübergreifenden Klassen. In Schleswig-Holstein wurde die Klassenuntergrenze flexibilisiert und mit Mittel der Programme für Ländliche Räume neu Bildungszentren, so genannte Plietsch-Häuser, gefördert, bei denen Kita und Schule, Sportverein und Kultureinrichtung unter einem Dach zusammen kommen und ein Netzaufbauen, das Bildung im Ort hält. Ein breites Angebot an Ganztagsschulen und Kitas und Kooperationen mit Sport- oder Musikvereinen ermöglichen Kindern und Jugendlichen ein abwechslungsreiches Nachmittagsprogramm und den Eltern die Berufstätigkeit.

Gemeinschaftsschulen, wie wir sie zum Beispiel in Baden-Württemberg, Schleswig-Holstein und dem Saarland eingerichtet haben, helfen dabei, die Schulstandorte in der Fläche zu halten. Durch Vernetzung der Schulen mit regionalen Unternehmen und Hochschulen schaffen wir Ausbildungsangebote und interessierte mögliche Fachkräfte von morgen. Wer sich auch außerhalb der Schule in eine lebendige Gemeinschaft einbringen kann, lebt und bleibt gern in der eigenen Region. Wir wollen die Kommunen finanziell besser ausstatten, damit nicht als erstes an Kultur- und Freizeitangeboten gespart werden muss. Das entzieht auch demokratiefeindlichen und rassistischen Tendenzen den Boden und ebnet den Weg zu einer offenen Gesellschaft, die alle willkommen heißt.

…durch eine passgenaue Gesundheitsversorgung und gute Pflege

Um sich für ein Leben auf dem Land entscheiden zu können, muss die medizinische Grundversorgung für alle Altersstufen gewährleistet bleiben: Familien mit Kleinkindern brauchen einen Kinderarzt, Hochbetagte mobile Pflegeangebote. Wenn Praxen schließen, weil sich keine Nachfolge findet, werden die Wege zum Arzt immer weiter und die Wartezeiten länger. Dabei können viele Aufgaben, die derzeit nur der Arztberuf ausüben darf, auch von anderen Gesundheitsberufen übernommen werden. Wir wollen, dass Teams aus Ärzt*innen, Therapeut*innen sowie Pflegekräften zur zentralen Anlaufstelle werden, die unter einem Dach berät und betreut. Diese kommunale Gesundheitsversorgung soll durch mobile Praxisteams und Angebote der Telemedizin ergänzt werden, um flächendeckende Versorgung zu garantieren. Außerdem bietet die Telemedizin neue Möglichkeiten, flexible Formen der Grundversorgung aufrechtzuerhalten. Länder wie Schleswig-Holstein entwickeln zusammen mit den Krankenärztlichen Vereinigungen bereits aktiv Modelprojekte.

…durch die Chancen der Digitalisierung und der vernetzten Mobilität

Gerade wenn die Wege auf dem Land immer weiter werden, wird schnelles Internet immer wichtiger. Die Digitalisierung kann Versorgungslücken überbrücken. Sie ermöglicht es dem Hausarzt  schnell und unkompliziert Fachärzt*innen zu konsultieren. Eltern können einfacher von zuhause arbeiten. Wir wollen daher die digitale Schere zwischen Stadt und Land endlich schließen. Die Breitband-Versorgung ist längst genauso Voraussetzung für die Attraktivität eines Wohngebietes wie die Anbindung an den Nahverkehr. Denn wer auf dem Land mobil ist, kann problemlos in der nächsten Stadt arbeiten, studieren oder eine Praxis besuchen. Länderprogramme greifen dann, wenn eine private Finanzierung sich nicht lohnt. Wo Grüne regieren, werden die Beratung und der Ausbau von Breitband aktiv als Strukturpolitik im ländlichen Raum betrieben.

Die Anbindung ländlicher Regionen ist daher entscheidender Faktor für ihre weitere Entwicklung. In dünn besiedelten Regionen ist das Auto nach wie vor die praktischste Möglichkeit um von A nach B zu kommen. Es darf aber nicht sein, dass beispielsweise Auszubildende, die auf Bus und Bahn angewiesen sind, aufgeschmissen sind. Gerade in Schrumpfungsregionen sind kreative Lösungen gefragt, um die Verkehrsmittel intelligent zu vernetzen, Umsteigezeiten zu verringern und auch für die letzte Meile bis zur Haustür ein Angebot zu schaffen. Manchmal ist es ganz einfach, wie zum Beispiel eine „Mitfahrbank“ aufzustellen, die das Trampen institutionalisiert. Manchmal muss man sich an neue Lösungen rauntraue. So können auch im ländlichen Raum Stattautos oder andere Formen der Share-Economy das starre Angebotsnetz flexibler machen. Wir wollen ermöglichen, dass durch die Digitalisierung bestehende Möglichkeiten im Bereich der Daseinsvorsorge und der Teilhabe genutzt werden, etwa durch Mitfahrbörsen oder Bürgerbusse, bei denen man zum Fixpreis die jeweiligen Fahrgäste einsammelt.

 

3) Für eine lebenswerte Umgebung und gesunde Landschaften

Ländliche Räume bleiben lebenswert, wenn sie Netzwerke aus Kommunen und Bürger*innen ermöglichen, die halten und zusammenhalten. Unser Ziel ist, die Tradition des Miteinanders mit neuen Ansätzen bürgerschaftlichen Engagements zu verbinden. Ländliche Räume bieten Lebensqualität mit Platz, frischer Luft und Natur direkt vor der eigenen Haustür. Unser Ziel ist, Erholung im Grünen weiterhin zu ermöglichen. Dafür stärken wir eine nachhaltige Land- und Forstwirtschaft, Naturschutz und Tourismus, indem wir die europäischen Agrargelder und die Gelder aus der Gemeinschaftsaufgabe Agrarstruktur und Küstenschutz nicht nur als Flächenprämien einsetzen, sondern gezielt für eine gesellschaftliche Verankerung der Landwirtschaft.

…durch die Agrarwende für bäuerlich-ökologische Landwirtschaft

Die Intensivierung und Konzentration der Landwirtschaft trägt nicht nur zu sinkender Wertschöpfung in ländlichen Räumen bei, sondern zerstört mit industrieller Tierhaltung, Monotonisierung und struktureller Verarmung der Agrarlandschaft oder auch dem Umbruch von Grünland das Landschaftsbild. Eine solcherart fehlentwickelte Agrarwirtschaft treibt den Klimawandel voran, statt ihm gegenzusteuern, und führt durch den Einsatz von Pestiziden und Düngemitteln zu Eutrophierung, Artensterben und Bodenerosion. Durch eine Wende hin zu nachhaltiger, bäuerlich-ökologischer Landwirtschaft wollen wir die Natur als das Kapital ländlicher Räume und als Lebensgrundlage erhalten. Das Gemeingut Kulturlandschaft und eine intakte Natur, zum Beispiel im Rahmen der Großschutzgebiete, ist auch der Grund, weshalb die Nachfrage nach Reisezielen auf dem Land in den letzten Jahren gestiegen ist. So hilft die Agrarwende dabei, dass naturnaher Tourismus, beispielsweise Wander- und Radtourismus, ein Motor regionaler Wertschöpfung und die Landschaft gesund bleibt, denn nachhaltige Landwirtschaft, Naturschutz und Tourismus sind eng miteinander verwoben.

…durch Beteiligung bei der Gestaltung des eigenen Lebensumfelds

Eine Region entwickelt sich nur dann nachhaltig weiter, wenn die Menschen vor Ort aktiv mitplanen können, sei es beim Verlauf der Straße oder bei der Wiederbelebung des Dorfkerns. Statt wie mit einer Gießkanne Fördermillionen auszuschütten, bringen wir alle Akteur*innen vor Ort – Bürger*innen, Kommunen, Wirtschaft und Zivilgesellschaft – zusammen an einen Tisch. Regionalfonds sind eine gute Möglichkeit, diese runden Tische mit einem Budget auszustatten. Durch gemeinsames Planen wird auch über den Tellerrand der eigenen Kommune hinaus geblickt: Standorte für Gewerbegebiete oder Supermärkte können gemeinsam gefunden und in ein Mobilitätskonzept eingebettet werden, um die Nahversorgung für möglichst viele Menschen zu organisieren. So können wir außerdem dem Problem des zunehmenden Flächenverbrauchs begegnen. Um Städte und Dorfkerne wieder lebenswert zu machen muss nicht zwangsläufig ein neues Baugebiet auf der grünen Wiese ausgewiesen werden. Durch kluge Planung und Innenverdichtung lässt sich Fläche sparen und der Flächenverbrauch perspektivisch komplett eindämmen.

Interkommunale Zusammenarbeit wollen wir auch in der Förderpolitik für die ländlichen Räume stärken. Aber auch wenn der Einzelhandel den Ortskern verlassen hat, muss nicht Langeweile einkehren: Neue Nutzungen, beispielsweise Seniorentreffs, Dorfläden und Kleingewerbe oder Start-ups, bringen das Leben zurück in die Zentren. Marktreffs, wie sie ausgehend von Schleswig-Holstein inzwischen bundesweit existieren, vereinen den Kaufmannsladen, Serviceeinrichtungen wie Bank oder Post mit einem Café und manchmal sogar einer e-Tankstelle. Der Um- oder Ausbau wird durch öffentliche Gelder unterstützt.

 

Markus Tressel, MdB, Sprecher für ländliche Entwicklung und Tourismus der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen, aus dem Saarland

Dr. Robert Habeck, Minister für Energiewende, Landwirtschaft, Umwelt und Ländliche Räume Schleswig-Holstein

Claudia Müller, Landesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen Mecklenburg-Vorpommern

Harald Ebner, MdB, Sprecher für Gentechnik und Bioökonomiepolitik der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen, aus Baden-Württemberg

Chris Kühn, MdB, Sprecher für Bau- und Wohnungspolitik der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen, aus Baden-Württemberg