Lebenswerte ländliche Räume brauchen attraktive Ortskerne

Das Podium beim Fachgespräch

Der Einzelhandel gibt auf, das Café macht dicht und der Bus in die umliegenden Dörfer fährt schon lange nicht mehr. So sieht vielerorts leider die Realität in kleineren Städten und Orten auf dem Land aus. Dabei übernehmen gerade diese kleineren Orte wichtige Funktionen für die ganze Region: Hier werden Einkäufe erledigt, Kinder gehen zur Musikschule und Senior*innen treffen sich zum Kaffee. Wenn Stützpunkte in ländlichen Räumen wegbrechen, leidet also die gesamte Region.

Daher wollen wir als Grüne Bundestagsfraktion lebenswerte Innenstädte und Ortskerne erhalten. Die Herausforderungen sind dabei vielschichtig: Die Bedeutung der Landwirtschaft für die regionale Wirtschaft und Arbeitsplätze geht kontinuierlich zurück. Und Abwanderung, der demografische Wandel und die Digitalisierung verändern unser Zusammenleben. Wenn Kaufkraft dann in größere Städte abwandert, weil immer mehr Menschen mit dem eigenen Auto mobil sind, können sich auch Gastronomie, Freizeit- und Kulturangebote nicht halten.

Handel in Ortskernen muss sich vernetzen

Daher hat zunächst Frau Dr. Ulrike Regele in ihrem Input die Wichtigkeit des Handels herausgearbeitet. Attraktive Innenstädte zögen auch in sonst ländlich geprägten Regionen zukünftige Fachkräfte an. Attraktivität sei dabei nicht an die Größe der Stadt gebunden – im Gegenteil: Gerade Kleinstädte schnitten oft wegen historischer Ortskerne in der Bewertung der Besucher*innen besser ab. Wichtig seien also Ambiente, Flair und das Erlebnis, das die Städte bieten.

Daraus folgt, dass Handel sich mit anderen Akteur*innen der Stadt vernetzen muss. Wenn Aktionstage nicht nur einen verkaufsoffenen Sonntag, sondern auch spezielle Angebote in Museen, Parks, Cafés und der Kreativwirtschaft bieten, entsteht ein lokales Netzwerk, das neuen Schwung bringt. Hierfür müssen auch auf die neuen Möglichkeiten der Digitalisierung und auf bestehende Strukturen zurückgegriffen werden. Politik müsse Glasfaser-Ausbau und Open Data vorantreiben und Bürokratie für kleine Unternehmen abbauen.

Auf diesen Weg hat sich die Stadt Diepholz gemacht. Bernd Öhlmann vom Stadtmarketing Diepholz stellte die Kooperation mit Ebay vor, die der Leitidee folgt, dass online-Handel den stationären Handel sichern kann. Seit 2012 sei es gelungen die Innenstadt wieder zu beleben, indem Wirtschaftsförderprogramme aber auch Kooperationen mit dem Heimatverein zur Vernetzung der Akteure beigetragen hat.

Das Land braucht gute Köpfe und Kümmerer

Wie Frau Dr. Regele und Herr Öhlmann unterstrich Herr Dr. Wilhelm Klauser vom Projekt „Große Emma“ die Wichtigkeit, dass sich Macher und Kümmerer vor Ort finden und zusammenarbeiten. Dezentrales, einfaches, pragmatisches Denken sei gefragt, denn die meisten Ortskerne und kleinen Dörfer hätten keine Wahl mehr, so Dr. Klauser. Mit seinem Projekt kehrt Leben zurück in die Ortskerne: Durch das Teilen von Infrastruktur wie eines Verkaufshauses, das an manchen Tagen gleichzeitig auch Paket-Station, Pflegedienst oder Frisör ist, werden Fixkosten reduziert.

Gerade die Nachfrage nach Dienstleistungen sei auf dem Land groß. Auch hier gelte es, alle bestehenden Kooperationsmöglichkeiten mit zu denken und auszuschöpfen, vom Car-Sharing bis hin zum Pflegedienst, der Pakete ausliefert. Dabei seien wichtige Faktoren die Erreichbarkeit und die Aufenthaltsqualität der neuen Zentren. Vor allem aber müssen Bedarfe vor Ort ehrlich analysiert und über regionale Akteure wie Kirchen oder Bürgermeister für Zusammenarbeit geworben werden. Bürgerbeteiligung stehe erst an, wenn ein konkretes Projekt in die Umsetzung geht, damit es nicht zu Frust komme.

Das Land braucht ein neues Image

In der anschließenden Diskussion wurden die Arbeitsaufträge an die Bundespolitik herausgearbeitet: Von einer ressortübergreifenden Zusammenarbeit der Ministerien, über eine Überarbeitung des Zentrale-Orte-Konzeptes, bis hin zu einer Entschlackung der Förderpolitik, die sich mehr auf Prozesse als auf Projekte konzentrieren solle. Außerdem könnten Impulse der Politik für Wissenstransfer und Erfahrungsaustausch helfen.

Das Hauptproblem bleibt aber das negative Image ländlicher Räume, weshalb gute Köpfe ein Leben in der Stadt bevorzugten. Dabei herrschten hier beste Voraussetzungen zur Selbstverwirklichung und Kreativität. Die Geschichte des ländlichen Raumes müsse eigentlich sein, dass hier Riesenchancen schlummerten, die nur angepackt werden müssen. Auch politisch Verantwortliche müssten aufhören, das Land schlecht zu reden, denn es geht um’s Ganze. In einem neuen Leitbild muss die Bedeutung des Landes für den gesellschaftlichen Wohlstand unterstrichen werden und statt von aussterbenden, verödeten Regionen solle lieber vom Gärten der Großstädte gesprochen werden.

Regionalwirtschaft

  • Mittelstand fördern
  • Einzelhandel erhalten
  • Regionale Wertschöpfung stärken

Nahversorgung

  • Integrative Konzepte entwickeln
  • regionaler Lebensmittel vermarkten
  • Gesundheitsversorgung sichern

Daseinsvorsorge

  • Breitband-Ausbau vorantreiben
  • Interkommunale Zusammenarbeit erleichtern
  • Versorgungslücken überbrücken

Demografie

  • Freizeitangebote schaffen
  • Bürgerbeteiligung ernst meinen
  • Barrierefreiheit umsetzen

Ländliche Mobilität

  • Tourismus fördern
  • Erreichbarkeit des ländlichen Raums sichern
  • Innovative ÖPNV-Konzepte umsetzen

Förderpolitik

  • Fördertöpfe verzahnen
  • Akteure vor Ort stärken
  • Kommunen unterstützen